
Der Kleist-Preis des Jahres 2026 geht an den 1975 in Bonn geborenen Romancier und Theaterautor Thomas Melle. Die Verleihung soll am 22. November während einer Matinée im Deutschen Theater Berlin erfolgen. Gemäß der Tradition des Kleist-Preises hat der Verleger Heinrich von Berenberg – als von der Jury der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft gewählte Vertrauensperson – Thomas Melle als Preisträger bestimmt. Seine Begründung lautet:
»Niemandem unter den deutschsprachigen Gegenwartsautor:innen ist es gelungen wie Thomas Melle, dem gesellschaftlichen Leben des 21. Jahrhunderts, wie wir es kennen, einen so realistischen wie kunstvoll gearbeiteten Spiegel vorzuhalten. Wer hinein blickt, wer diesen Autor liest, dessen Leben wird verändert, und mehr kann Literatur eigentlich nicht tun. Hat man seine Romane, seine Theaterstücke und sein autobiographisches Werk gelesen, blickt man anders, auf paradoxe Weise getröstet (und glänzend unterhalten), auf jene immer lebensfeindlicher gewordenen Verhältnisse, mit denen die Menschen in der westlichen Welt, von der immer noch behauptet wird, es sei die Beste, zurechtkommen müssen. Diese gesellschaftlichen Jagdgründe kennt Thomas Melle genau. Entstanden ist darüber ein Werk, das in wenig mehr als einem Jahrzehnt zur Vollendung gereift ist. Noch die eigene Krankheit hat dieser Autor, stellvertretend für seine Mitwelt, ausgebreitet und bis in alle Abgründe geschildert – wie ein moderner, schreibender Hieronymus Bosch. Sein im besten Sinne verstörendes Werk stellt Thomas Melle an die Seite des Namensgebers dieses Preises, der schon von seiner Welt meinte, ihm sei auf ihr nicht mehr zu helfen. Den Kleistpreis hat dieser Autor mehr als verdient.«
Mit Thomas Melle erhält ein Autor den Kleist-Preis, der mit den Widersprüchen der gegenwärtigen Welt ringt und ihr sprachliche Ausdrucksmöglichkeiten in Dramatik und Prosa geradezu abtrotzt. Vor zwanzig Jahren debütierte er mit seinem Stück Haus zur Sonne (2006), das auch seinem jüngsten, für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman den Titel leiht (2025). Ökonomisierung und Krankheit bilden die beiden großen und vielfach verflochtenen Themenstränge in seinem Werk, das Erzählungen, Romane wie Sickster (2011) oder Das leichte Leben (2022) sowie zahlreiche, erfolgreich aufgeführte Theaterstücke bei Suhrkamp, Rowohlt und Kiepenheuer und Witsch umfasst. Besonders bekannt wurde Thomas Melle mit dem Roman Die Welt im Rücken (2016), in dem er sich mit seiner eigenen Krankheit auseinandersetzt. Das zugehörige Theaterstück ist in einer Fassung des Schauspiels Stuttgart zum diesjährigen Berliner Theatertreffen eingeladen.
Darüber hinaus teilt die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft voller Freude mit, dass die Dotierung des Kleist-Preises anlässlich des bevorstehenden Jubiläumsjahres zu Kleists 250. Geburtstag 2027 deutlich erhöht wird. Das Preisgeld beträgt 2026 erstmalig 30.000 EUR. Unser Dank gilt Stefan von Holtzbrinck für sein ebenso großzügiges wie weitsichtiges Engagement. Er setzt damit ein starkes Zeichen für das lebendige Fortwirken des Namensgebers und für die deutschsprachige Gegenwartsliteratur als unverzichtbarer Bestandteil persönlicher und gesellschaftlicher Auseinandersetzung.
Der traditionsreiche Kleist-Preis wird seit den 1990er Jahren von Holtzbrinck, dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie den Ministerien für Wissenschaft, Forschung und Kultur der Länder Berlin und Brandenburg gefördert. In den 1910er und 1920er Jahren wurden u.a. Hans Henny Jahnn, Bertolt Brecht, Robert Musil und Anna Seghers ausgezeichnet. Nach der Wiederbegründung des Preises 1985 hießen die Preisträger:innen u.a. Alexander Kluge, Thomas Brasch, Heiner Müller, Ernst Jandl, Monika Maron, Herta Müller, Emine Sevgi Özdamar, Daniel Kehlmann, Arnold Stadler, Navid Kermani, Marcel Beyer, Monika Rinck, Yoko Tawada, Christoph Ransmayr, Ilma Rakusa, Clemens J. Setz, Esther Kinsky, Thomas Kunst, Sasha Marianna Salzmann und zuletzt Daniela Seel.
Die Jury des Kleist-Preises, die die Vertrauensperson auswählt und ihr potentielle Preisträger:innen vorschlägt, bestand aus sieben Mitgliedern: Andrea Bartl (Universität Bamberg), Florian Borchmeyer (Dramaturg und Kurator), Anne Fleig (Freie Universität Berlin), Johannes Franzen (Universität Mannheim; Kritiker) Janika Gelinek (Literaturhaus Berlin), Claudia Kramatschek (Kritikerin) und Simone Schröder (Internationales Literaturfestival Berlin).