logo newsletter

Fünfzehnte Ausgabe. 20. April 2026

Liebe Kleist-Freundinnen und Freunde, liebe Mitglieder,

der Frühling hält in diesem Jahr nur langsam Einzug, doch die Planungen für das Kleist-Jubiläum gehen mit umso rascheren Schritten voran. Erst letzte Woche haben wir den zweiten Antrag für das Kleist-Festival „radikal gegenwärtig“ eingereicht, das am 12. und 13. Juni 2027 im LCB am Wannsee stattfinden soll und Kleist mit der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ins Gespräch bringen möchte. Drücken Sie die Daumen, dass das Vorhaben erfolgreich ist!

Der nächste Abendletter vor der Sommerpause wird eine erste Übersicht über weitere Termine und Veranstaltungen 2027 geben. Wer selbst ein Projekt oder eine Veranstaltung in Kooperation mit der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft plant, möge bitte eine kurze Skizze des Vorhabens an den Vorstand schicken.

Ein großer Erfolg und ein wirklich schönes Geburtstagsgeschenk für Kleist ist die Erhöhung des Kleist-Preisgeldes auf 30.000 EUR. Für dieses großzügige und weitsichtige Engagement sind wir Stefan von Holtzbrinck zu großem Dank verpflichtet. Wie Sie vielleicht schon wissen, darf sich der Autor Thomas Melle als erster über das neue Preisgeld freuen!

Mit Blick auf das Jubiläumsjahr erinnere ich noch einmal an unsere Aktion 250: 250 Jahre Kleist und 250 neue Mitglieder. Nehmen Sie die Zukunft der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft in die Hand! Wenn Sie alle auch nur ein neues Mitglied werben, schaffen wir die 250 leicht.

Denken Sie gerne auch über eine Spende als Geburtstagsgeschenk für Kleist nach und schauen Sie mal in unserem tollen Merchandising-Bereich auf der homepage vorbei! Wie wäre es mit einem Päckchen Kleist-Buttons?

Mitteilen muss ich Ihnen zum Schluss leider auch, dass im März der langjährige Kleist-Forscher Hermann F. Weiss im Alter von 88 Jahren verstorben ist. Wir werden ihm ein ehrendes Andenken bewahren und niemals den spektakulären Brief-Fund von 2024 vergessen.

Herzliche Grüße aus Berlin
Ihre Anne Fleig

P.S. Haben Sie schon von Heike Geißlers Michaela Kohlhaas gehört? Sie erscheint Mitte Mai bei Suhrkamp. Lesungen finden u. a. im Literaturhaus Berlin und im Kleist-Museum statt.


Kleist-Preis

Thomas Melle Frankfurter Buchmesse 2018 © Heike Huslage-Koch, Creative Commons Attribution-Share Alike 4.0 International license

Den Kleist-Preis 2026 erhält der Romancier und Theaterautor Thomas Melle. Die Verleihung wird am 22. November während einer Matinée im Deutschen Theater erfolgen. Für den 21. November planen wir eine Veranstaltung mit dem Preisträger im Literaturhaus Berlin. Vertrauensperson der Jury war in diesem Jahr der Verleger Heinrich von Berenberg. In seiner Begründung heißt es:

Niemandem unter den deutschsprachigen Gegenwartsautor:innen ist es gelungen wie Thomas Melle, dem gesellschaftlichen Leben des 21. Jahrhunderts, wie wir es kennen, einen so realistischen wie kunstvoll gearbeiteten Spiegel vorzuhalten. Wer hinein blickt, wer diesen Autor liest, dessen Leben wird verändert, und mehr kann Literatur eigentlich nicht tun. Hat man seine Romane, seine Theaterstücke und sein autobiographisches Werk gelesen, blickt man anders, auf paradoxe Weise getröstet (und glänzend unterhalten), auf jene immer lebensfeindlicher gewordenen Verhältnisse, mit denen die Menschen in der westlichen Welt, von der immer noch behauptet wird, es sei die Beste, zurechtkommen müssen. Diese gesellschaftlichen Jagdgründe kennt Thomas Melle genau. Entstanden ist darüber ein Werk, das in wenig mehr als einem Jahrzehnt zur Vollendung gereift ist. Noch die eigene Krankheit hat dieser Autor, stellvertretend für seine Mitwelt, ausgebreitet und bis in alle Abgründe geschildert – wie ein moderner, schreibender Hieronymus Bosch. Sein im besten Sinne verstörendes Werk stellt Thomas Melle an die Seite des Namensgebers dieses Preises, der schon von seiner Welt meinte, ihm sei auf ihr nicht mehr zu helfen. Den Kleistpreis hat dieser Autor mehr als verdient.


Ankündigungen und Termine

Call for Papers
Workshop Choreografien des Zweikampfs bei Heinrich von Kleist
Organisiert von Julian Sieler und Thomas Wortmann, Universität Mannheim

Anlässlich des Kleist-Jahres 2027 veranstalten wir in Kooperation mit der Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft einen Workshop an der Universität Mannheim, der sich mit Zweikampfszenen in Heinrich von Kleists Werk auseinandersetzt. Diese sind präsent quer durch die Vielfalt seiner Texte, finden sich in Kleists Dramen ebenso wie in seine Erzählungen, in den Anekdoten (z.B. Mutterliebe, Baxer) und den theoretischen Texten (z.B. Von der Überlegung). Der Workshop konzentriert sich nicht auf die bereits intensiver erforschten sozialgeschichtlichen Dimensionen unter anderem des Ehrduells, sondern auf die literarästhetische Form der Kampfszenen.

Kleists Zweikämpfe – so die Annahme – sind poetisch in hohem Maße durchformte und zugleich kontingente, chaotische Ordnungen von Körpern und Bewegungen. Der Zweikampf ist bei Kleist eine improvisierte Choreografie zwischen Balance und Exzess, Tanz und Gewalt, Kontrolle und Affekt. Im Fokus stehen die Schreibweisen der antagonistischen Bewegungen in ihren Rhetoriken, Rhythmen, Asymmetrien und Spiegelungen (Amphitryon).

Die Szenen sind bei Kleist Momente der sprachlichen Intensität und Verdichtung. Der sprachliche Ausnahmezustand geht einher mit einem sozialen, insofern sind die Zweikämpfe ein Fluchtpunkt von Kleists Schreibens. Zwei Körper treten in gewaltvolle Beziehung zueinander, entsprechend lässt sich nach den entworfenen Körperpoetiken fragen, nach der Verhandlung von Macht, Identität und Geschlecht, aber auch nach Sport, Agon, Spektakel und Theatralität. Die Zweikämpfe sind die Klimax körperlicher Intimität: Spiel, Gewalt und Begehren gehen ineinander über – nicht nur in der Penthesilea. Es geht um Körper, die Widerstand leisten, ebenso wie solche, die dazu nicht in der Lage sind (vgl. Marquise von O….); um weibliche und männliche Körper, die exponiert, verwundbar oder handlungsfähig werden; es geht vieldeutig um die Verschränkungen von Hass, Rache (Michael Kohlhaas, Der Findling) und Liebe (Die Verlobung in St. Domingo, Penthesilea). Zweikämpfe werden geplant (Der Zweikampf), entstehen im Affekt (Der Findling), entstammen Missverständnissen (Die Verlobung in St. Domingo, Penthesilea). Der Zweikampf kann sich ausweiten zu Massengewalt und Krieg – Clausewitz zufolge „nichts als ein erweiterter Zweikampf“ –, umgekehrt können sich Zweikämpfe innerhalb von Massenszenen der Gewalt herausbilden, etwa am Ende des Erdbebens in Chili.

Ziel des Workshops ist es, die literarische Urszene des Zweikampfs entlang der skizzierten Linien als zentralen Bestandteil der Poetik Kleists zu perspektivieren. Der Workshop soll sowohl neue Lektüren prominenter Szenen ermöglichen als auch zum Blick auf dezentrale Textstellen einladen (etwa den Angriff auf Kohlhaas’ Frau oder Ruprechts Angriff auf Adam im Krug). Erhofft werden zudem neue Perspektiven auf die journalistischen und theoretischen Texte, etwa auf Über das Marionettentheater und Von der Überlegung.

Der Workshop findet am 18. und 19. März 2027 an der Universität Mannheim statt und richtet sich an Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Karrierestufen.Möglich sind Vorträge mit verschiedensten Themensetzungen, Leitfragen und Thesen innerhalb des nachgezeichneten breiten Panoramas. Bitte senden Sie Abstracts für einen 30-minütigen Vortrag sowie kurze biobibliographische Informationen bis zum 15.05.2026 an julian.sieler@uni-mannheim.de und wortmann@uni-mannheim.de.

Reise- und Übernachtungskosten werden übernommen. Eine Publikation der Aufsätze ist geplant.


Internationaler online-Vortrag
Kleist und Frankreich: Radikalisierende und mäßigende Tendenzen

Dienstag, 30. Juni 2026, um 18 Uhr
Dr. Elystan Griffiths (University of Birmingham)

Denkt man an Kleists Beziehung zu Frankreich, so denkt man wohl am ehesten an seine politischen Schriften aus der Krisenzeit 1808/09. Gleichwohl ist es klar, dass sich Kleist äußerst intensiv mit den Erscheinungsformen französischer Kultur und Gesellschaft beschäftigt hat. In meinem Vortrag möchte ich der Frage nachgehen, wie sich Kleist mit französischen Denkern auseinandergesetzt hat. Hier kann man, so meine These, sowohl radikalisierende als auch mäßigende Tendenzen ausmachen. Im Mittelpunkt meiner Überlegungen steht Kleists Verhältnis zu Montesquieu, dessen direkte Spuren sich sowohl am Anfang als auch am Ende von Kleists schriftstellerischer Laufbahn zeigen.

Zoom-Link:
Thema: Kleist-Gesellschaft, digitaler Vortrag Dr. Elystan Griffiths
Zeit: 30. Juni 2026 18:00 Amsterdam, Berlin, Rom, Stockholm, Wien
An Zoom-Meeting teilnehmen
https://uni-bonn.zoom-x.de/j/69216808309?pwd=4yd1naamBZpUagX1c326FyXZ0JEIwz.1
Meeting-ID: 692 1680 8309
Kenncode: 074250


Zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann:
Ausstellungsstation zur Oper Der Prinz von Homburg im Kleist-Museum
Als Ergänzung der Sonderausstellung Zerbrochne Harmonien. Kleist und die Musik (Kuration: Dr. Adrian Schliebe) entwickelten Studierende der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) die neue Station „Hinhören und Widerstand leisten. Prinz von Homburg – der ‚erste moderne Held‘“, die vor Kurzem im Kleist-Museum in Frankfurt (Oder) eröffnet wurde. Im Rahmen eines Praxisseminars beschäftigten sie sich im vergangenen Semester mit der musikalischen Bearbeitung von Kleists Drama durch Ingeborg Bachmann (Libretto) und Hans Werner Henze (Komposition) und zogen Verbindungen zwischen dem literarischen Stoff, der Interpretation für die Opernbühne und aktuellen gesellschaftlichen Diskussionen.

Die Station sowie die Sonderausstellung sind bis zum 14. Juli 2026 zu erleben. Alle Informationen finden Sie unter www.kleist-museum.de.


Preis für den besten studentischen Kleist-Aufsatz 2026

Auch in diesem Jahr lobt die Heinrich von Kleist-Gesellschaft einen „Preis für den besten studentischen Kleist-Aufsatz“ aus. Eingereicht werden können literaturwissenschaftliche Beiträge über Heinrich von Kleists Texte. Weitere Einschränkungen in Bezug auf Thema, Text- und Kontextauswahl oder Methodik bestehen nicht. Einzige Bedingung: Die Verfasserinnen und Verfasser sind Studierende (oder Doktorandinnen und Doktoranden in der Anfangsphase ihrer Promotion). Die Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft möchte mit dieser Ausschreibung dezidiert Studierende zum selbständigen Forschen und zur Beschäftigung mit Heinrich von Kleist ermuntern sowie den literaturwissenschaftlichen Nachwuchs fördern. Der „Preis für den besten studentischen Kleist-Aufsatz“ wird einmal jährlich vergeben und ist mit 150 € Preisgeld dotiert. Zusätzlich erhält der/die Preisträger/in eine kostenlose Mitgliedschaft in der Kleist-Gesellschaft für ein Jahr. Die Verleihung der Urkunde findet im Rahmen der nächsten Jahrestagung 2027 statt.

Die Teilnahme erfolgt durch Selbstbewerbung der Studierenden. Bitte machen Sie geeignete personen darauf aufmerksam!

Dem Kleist-Aufsatz (max. 20 Text-Seiten, 12 pt Schriftgröße, Zeilenabstand 1,5) soll bitte eine kurze biographische Inofrmation beigefügt werden. Der Aufsatz sollte in Form eines eigenständigen, konzentrierten und in sich abgeschlossenen Beitrags vorliegen. Eine Hausarbeit, BA-Arbeit oder MA-Arbeit kann zwar als Grundlage für den eingereichten Text dienen, müsste aber entsprechend überarbeitet werden.

Bewerbungsschluss ist der 1. September 2026. Bewerbungen werden per Mail erbeten an: Prof. Dr. Anne Fleig und Prof. Dr. Andrea Bartl.


Zugeflogen

Vier in einem: das zugeflogene Kleist-Porträt von Gerhard Staguhn

Vier in einem: das zugeflogene Kleist-Porträt von Gerhard Stagühn

Die Zeichnung, so erläutert der Einsender weiter, soll „Heinrich von Kleist darstellen, wobei mir als Vorlage eben jene vier Porträts dienten, die von ihm überliefert sind und einander zwar ähneln, aber doch auch vier verschiedene Köpfe zeigen“. Seine „bescheidene Zeichnung“ sei daher „gleichsam die vier Porträts in einem“.

Man wird unwillkürlich an die eigentümliche Lage der Kleist-Ikonographie erinnert, über die Barbara Wilk-Mincu umfangreich gearbeitet hat und knapp im Kleist-Handbuch informiert (Barbara Wilk-Mincu: Kunst, in: Kleist-Handbuch, hg. von Ingo Breuer, Stuttgart/Weimar 2013, Sonderausgabe, S. 464–469, hier: S. 464 f.). Das einzige als authentisch geltende Porträt ist die Miniatur von Peter Friedel aus dem Jahr 1801, die Kleist in seinem 24. Lebensjahr zeigt und die er für seine Verlobte Wilhelmine von Zenge anfertigen ließ.

Besondere Wirkmacht entfaltet bis heute die sogenannte Kreidezeichnung, die lange Zeit als bloße Kopie der Friedel-Miniatur galt, inzwischen jedoch Wilhelmine von Zenge (verh. von Krug) zugeschrieben wird. Die in mehreren Künstlerlexika verzeichnete Zeichnerin und Malerin hat mit dieser Darstellung die Vorstellung von Kleists äußerer Erscheinung bis in die Gegenwart geprägt.

Kreidezeichnung Heinrich von Kleist vermutlich von Wilhelmine von Zenge, vermutlich 1846 © Stiftung Kleist Museum Frankfurt (Oder)

Zwischen den verschiedenen Bildnissen spannt sich ein Feld von Ähnlichkeiten und Abweichungen auf, das weniger ein gesichertes Gesicht als vielmehr eine Reihe von Annäherungen erkennen lässt. In diese Tradition fügt sich Staguhns Zeichnung auf überraschende Weise ein und treibt sie zugleich weiter. Auch hier begegnet uns Kleist im Halbprofil, den Blick unmittelbar auf den Betrachter gerichtet; das Haar ist in die Stirn gekämmt, der Ausdruck ernst, beinahe eindringlich. Doch indem die Vorlage nicht ein einzelnes Bild, sondern die Überlagerung mehrerer ist, wird die Frage nach der „Authentizität“ nicht gelöst, sondern gleichsam potenziert. Was hier sichtbar wird, ist kein endgültiges Antlitz, sondern ein aus verschiedenen Blicken zusammengesetztes, ein Kleist aus zweiter, dritter, vierter Hand zugleich.

Gerade darin liegt, so scheint mir, der Reiz dieses „Zugeflogenen“: Es erinnert uns daran, dass sich auch das Bild des Dichters immer wieder neu formiert im Spannungsfeld von Überlieferung, Imagination, Interpretation und, nicht zuletzt, persönlicher Begeisterung.

Marion Acker

Heinrich-von-Kleist-Gesellschaft

c/o Prof. Dr. Anne Fleig
Freie Universität Berlin
Institut für deutsche und niederländische Philologie
Habelschwerdter Allee 45
14195 Berlin

E-Mail anne.fleig@fu-berlin.de